Bunte freie Marktwirtschaft
Einkaufsketten und Internet zum Trotz behauptet er sich weltweit – und zwar nicht nur als Institution, die dem nüchternen Ausgleich von Angebot und Nachfrage dient, sondern mit all seinen sinnlichen und sozialen Elementen: der gute alte (Wochen-)Markt.
Traditionell das Zentrum einer Stadt
Auf den Märkten gibt es nahezu alles: „Feigen und Feiglinge, Zaumzeug und Zeugen, Rosen und Richtersprüche, Gelumpe und Gesetze, Delikatessen und Denunzianten“ – so stabreimte der griechische Geschichtsschreiber Eubulos schon im Jahre 350 vor Christus. Von diesem oder jenem Detail abgesehen, hat sich im Prinzip also nicht allzu viel verändert. Im Ernst: Die Institution existiert seit 4000 Jahren. Traditionell das Zentrum einer Stadt, spielten sich dort die Kernfunktionen des urbanen Lebens ab. Schon die Menschen im alten Mesopotamien, Ägypten und China handelten mit allem, was ihre Welt zu bieten hatte. Bauern lieferten frische Ware von den Feldern, Händler karrten Kostbarkeiten aus fernen Ländern heran, Geldwechsler und -verleiher hielten den Betrieb in Schwung. Wie nebenbei brachte der Markt den Bürgern auch fremde Kulturen nahe.
Vitalität ohne Grenzen!
Diesen Nebeneffekt übernehmen heute zwar eher Pauschaltourismus, Fernsehen und Internet. Aber Märkte gibt es trotzdem. Und es wird sie immer geben – denn ihre Vitalität ist durch Virtualität nicht zu ersetzen. Auf allen Marktplätzen dieser Welt herrscht heute wie damals das pralle, das reale Leben. Was Goethe nach seiner italienischen Reise über den neapolitanischen Markt schrieb, gilt zum Beispiel nach wie vor: „Viele tausend Menschen tragen ihr Mittag- und Abendessen auf einem Stückchen Papier davon.“ Bäcker, Bauern und Metzger stehen buchstäblich hinter ihren Produkten; es duftet nach dem feuchten Holz von Orangenkisten, nach frischen Kräutern und Gemüse, nach Zwiebeln, Knoblauchzehen und exotischen Gewürzen, gelegentlich durchdrungen vom strengeren Aroma gereiften Käses; es lockt der sanfte Hauch von saftigem Schinken und lieblichen Blumen… Ein Marktbummel ist ein Erlebnis für alle fünf Sinne – das bleibt überall auf dieser Welt gleich. Doch ein jeder Markt hat auch seine ganz besonderen Eigenarten – und die herauszufinden, gehört zu den reizvollsten Erfahrungen, wenn man auf Reisen ist. Der Markt einer Stadt bietet wertvolle Einblicke in die regionale Mentalität, wenn nicht gar in die nationale Kultur.
Ein weltweites Vergnügen!
Auf dem Hamburger Fischmarkt etwa wird es vom Publikum geradezu begrüßt, wenn „Bananen-Harry“ und „Aale-Dieter“ ihren Umsatz hochjubeln, indem sie sich auf Kosten der Kundschaft lustig machen. Wer auf dem Münchner Viktualienmarkt einmal zu oft die Ware „prüft“, wird schon mal zurechtgewiesen: „I glaub, du brauchst a Seifn, du hast so dreckate Händ!“ In Paris wiederum, dessen zahlreichen Märkte für Kenner zu den schönsten, aufregendsten und buntesten der Welt zählen, werden die Stände zu Bühnen, auf denen die Händler nachgerade virtuose Rollenspiele mit den Kunden veranstalten: Pedanten und Besserwisser ziehen allemal den Kürzeren, doch wer sich auf das Theater einlässt, wird mit „Coco“ oder „Chérie“ angesprochen, bekommt zum Lammrücken gleich das passende Rezept mit auf den Weg oder einen Schnellkurs in französischer Käsekunde. Und das Duell, das Käufer und Verkäufer sich im Hafen von Marseille oder auf dem Ufermarkt von Pozzuoli bei Neapel liefern, steht im krassen Gegensatz zu der kühlen Ordnung des Hafenmarktes von Helsinki, wo Feilschen – und sei es noch so lustvoll – streng verpönt ist.