
Foto: Hans Joachim Schmidt / Alexander Haselhoff
Thailands Küchenwunder
Die thailändische Küche gilt als eine der vielseitigsten der Welt, verbindet sie doch ausgefeilte Kochtraditionen mit dem Reichtum der Natur.
„Gin kao ruu yang?“
Auf Thai lautet ein alltäglicher Gruß „Gin kao ruu yang?“, was gemeinhin mit „Wie geht es Ihnen?“ übersetzt wird, wörtlich aber bedeutet „Haben Sie schon Reis gegessen?“. Diese Begrüßung zeigt, wie selbstverständlich hier die Gastfreundschaft mit der Einladung zum Essen verbunden ist – und mit einer Schale Reis. Alles andere ist „nur“ Beilage. Egal, wie raffiniert oder köstlich Relishes, Currys, Salate, Gemüse, Fisch, Geflügel oder Fleisch auch zubereitet sein mögen, sie sind irgendwie nebensächlich, verglichen mit dem Korn, das die Einwohner Thailands ernährt und die Landschaft kultiviert. Reis gehört immer dazu. Ein Leben lang. Bei der Geburt eines Kindes wird ein Bananenblatt mit Reis und einem gekochten Ei gefüllt: Das Ei symbolisiert das Leben, während der Reis das Neugeborene später ernähren wird – Symbol der Zukunft. Auch am Lebensende spielt Reis eine wichtige Rolle: Eine Handvoll davon wird vor den Trauerzug geworfen und auf den Boden des Aufbahrungsraumes gestreut. Niemand darf dort auf die Körner treten, denn sie trennen die Lebenden von den Toten.
Irgendwie paradox und dennoch abgerundet
Fremden erscheint die thailändische Küche auf den ersten Blick paradox: Da werden eher rustikale Zutaten wie Garnelenpaste, Knoblauch, Zitronengras und Chilis mit frischem Gemüse, Fleisch und Fisch zusammengebracht. Während der Zubereitung vermischen sich die Aromen miteinander und entwickeln oftmals eine ungemein subtile Eleganz. Rezepte können über 20 völlig unterschiedliche, ja konträre Zutaten enthalten. Als fertige Speisen klingen sie wundervoll zusammen, so wie die einzelnen Stimmen eines geübten Chors, die sich voneinander abheben, einander abrunden, sich gegenseitig unterstützen und miteinander verbinden.
Süß, sauer, scharf, salzig, bitter...
Das Geheimnis der Thai-Küche ist die Harmonie von natürlichem Geschmack, Konsistenz und Gewürzen. Nicht nur die Schärfe der Chilischoten ist von Bedeutung, sondern auch ihre Textur. Das gilt für knusprig frittierte Schalotten im Currygericht ebenso wie für knackige Erdnüsse im Salat und rohes Gemüse zum Relish. Gewürze fügen dem natürlichen Geschmack von Gemüse, Fisch und Fleisch weitere Nuancen hinzu: süß, sauer, scharf, salzig, bitter – dies alles, höchste Kochkünste vorausgesetzt, sogar in einem einzigen Gericht. Trotzdem: Ausgewogenheit lautet das Schlüsselwort der thailändischen Küche, und das bedeutet die Ausgewogenheit von Geschmack, Konsistenz und Gewürzen. Die in Streifen geschnittenen frischen Kaffirlimetten- oder Basilikumblätter dienen nicht nur der Dekoration, sondern auch dem Geschmack. Als erfrischende Überraschung am Gaumen.
„Jareum Ahan!“
In Thailand pflegt man übrigens beim Essen nach Osten oder Süden zu blicken, denn das sichert ein zufriedenes Leben und viel Sympathie. Da bleibt nur noch eins zu sagen: „Jareum Ahan!“ (Guten Appetit!).