
Foto: Wolfgang Kowall
Voll im Saft – Leckerbissen nach Apfelart
Äpfel haben etwas Bodenständiges und Gemütvolles an sich. Sie reifen in unseren Gärten, prangen in leuchtenden Farben auf den Märkten und zählen – süß oder herzhaft, gekocht, gebraten oder gebacken – zu den herzerfrischenden Selbstverständlichkeiten unserer Küche.
Sie sind und waren schon immer Profiteure der Globalisierung. Überall dort, wo man mindestens zwei Monate im Jahr einen Mantel tragen muss, wachsen Äpfel. Folgen auf warme Sommertage kühle Nächte, gedeihen sie am besten. Denn ihre wirkliche Heimat liegt im Kaukasus. Evas biblischer Apfel war also eher ein Granatapfel, und Aphrodite bekam von Paris wahrscheinlich eine Quitte gereicht. Erst die Römer entwickelten genügend Know-how, um das prickelnd-frische Allzweckobst anzubauen und zu kultivieren.
Nationen wie die USA besitzen eine ganz eigene, typische Apfelkultur. Das verdanken sie einer legendären Figur, Johnny Appleseed, den wir Hänschen Apfelkern genannt hätten. Der fromme Bauernsohn, 1774 als John Chapman geboren, zog noch vor der großen Siedlungswelle nach Westen. Alles andere als ein Cowboy, zähmte er die Wildnis, indem er Wälder rodete und Kerne aussäte. So gründete er in Ohio, Indiana und Illinois unzählige Baumschulen, verkaufte die Sämlinge für kleine Münze oder verschenkte sie an notleidende Siedler. Ähnlich berühmt als Apfelfan wurde der russische Botaniker Iwan Wladimirowitsch Mitschurin, dem es im letzten Jahrhundert gelang, Bäume zu züchten, an denen selbst in den ultrakurzen Sommern Sibiriens saftige und frostresistente Äpfel reifen.
Inzwischen kreuzen Institute in aller Welt jedes Jahr ein paar hundert neue Sorten, meist süß, rund und hübsch anzusehen. Oft liegen sie nur kurz im Trend und sind bald wieder aus unseren Obstschalen verschwunden. Wie viele Sorten es gibt? Pomologen, wie die Obstbaumkundler wissenschaftlich heißen, schätzen die Zahl auf 20 000. Vielleicht sind es aber auch nur 6000 oder 8000, wenn man die herauslässt, die sich im Laufe ihrer Wanderung um den Erdball ein halbes Dutzend oder mehr Namen zugelegt haben.
Die besten Äpfel der Welt hat niemand gezüchtet, sie wurden entdeckt. Immer wieder wuchs zufällig ein Sämling heran, der feinere Früchte trug als die übrigen. Fand ihn ein kluger Gärtner, entwickelte der Apfel sich vielleicht zur regionalen Spezialität und manchmal auch – wie etwa der Braeburn aus Neuseeland – zum Welterfolg. Trotz globaler Verbreitung schmecken Äpfel immer nach Heimat, eben nach dem Ort, an dem sie wachsen. Inder lieben duftende Amri aus den Gärten Kaschmirs. Auf den Åkerø aus der Fjordregion schwören die Norweger, weil dort die Sommersonne bis nach Mitternacht scheint. Australier sind stolz auf ihren giftgrünen Granny Smith und Russen auf den widerstandsfähigen Antonovka. In englischen Pies und unseren Kuchen dürfen Kochäpfel gern zu Püree zerfallen. Franzosen dagegen wollen, dass ihr Lieblingsapfel, der Golden Delicious, heil aus dem Ofen kommt, weil das auf einer Tarte besser aussieht.
Irgendwo auf der Welt wächst zu jeder Zeit für jeden Gaumen und jeden Zweck der richtige Apfel. Am besten findet man sich in der Fülle zurecht, wenn man einfach hineinbeißt und sich auf seinen eigenen Geschmack verlässt. Neben Duft, Geschmack und Farbe zählt beim Apfel auch das Geräusch. Wer es knackig mag, lässt festes Fruchtfleisch zwischen den Zähnen zerkrachen, sanfte Gemüter ziehen die gedämpften Kaugeräusche mürber Äpfel vor.
Hier eine kleine Auswahl von Apfelrezepten aus unserer Rezept-Datenbank: