Vom Bratspieß zum Schaschlik
Der einst so stolze Bratspieß fristet in deutschen Imbissbuden ein kümmerliches Dasein als paprikabestreutes, mit Ketchup übergossenes Schaschlik. Ganz zu Unrecht, wie wir meinen, wenn man sich seine Geschichte anschaut.
Erfunden am Schwarzen Meer
Der oder das Schaschlik – beides ist möglich – wurde am Schwarzen Meer erfunden. Aus dem ursprünglich krimtatarischen schisch für Bratspieß und schischlik für den kleineren Spieß wurde im Russischen schaschlyk. Da ist der Weg zum deutschen Wort Schaschlik nicht mehr weit. Das ursprüngliche Schaschlik bereitete man wie folgt zu: Hammelfleischstücke in einer Vinaigrette aus Öl, Essig, Thymian, Muskat, Lorbeerblättern und viel Pfeffer für einige Zeit marinieren; Fleischstücke dann abwechselnd mit Speck-, Zwiebel-, Tomaten-, Gurken- und Paprikastücken auf einen Metallspieß stecken und über dem Holzkohlenfeuer grillen. Fertig!
Viele Varianten sind möglich
Vom Schwarzen Meer aus gelangte das Schaschlik auf den Balkan, wo es zum Inbegriff des gegrillten, gebratenen oder frittierten Fleischspießes wurde. In Griechenland entfernte man fast alle Gemüse vom Spieß und machte suvláki daraus, ähnlich dem türkischen sis kebap, dem bosnischen sis cevap, dem serbischen raznjici und dem georgischen mzwadi. Auf seiner Wanderung vom Schwarzen Meer ins ehemalige Jugoslawien hat das Schaschlik zahlreiche Variationen erfahren müssen: Zum Hammel- oder Lammfleisch wurden Stücke vom Kalb, Rind und Schwein, sowie Innereien wie Leber, Nieren und Herz auf den Spieß gesteckt – gemeinsam mit Gurken- Paprikaschoten-, Tomaten- und Zwiebelstücken. In Bulgarien besteht das Schaschlik ausschließlich aus Lamminnereien (Leber, Nieren, Herz, Lunge und Milz), die mit Lamm- oder Schweinsnetz und -darm umwickelt werden. Netz und Darm verhindern, dass die zarten Innereien austrocknen. Die Restaurants an der Wolga-Mündung in Astrachan bieten sogar Schaschlik vom Stör.
Pures Fleischvergnügen!
Wen wundert es da noch, dass selbst fleischlose Spieße mit Zucchini, Champignons, Gurken, Paprikaschoten, Zwiebeln und Fenchel als Schaschlik bezeichnet werden. Der Vorläufer des Schaschliks war der Spießbraten, wie er im Mittelalter europaweit auf dem Speiseplan stand. Weil man nicht immer einen ganzen Ochsen verspeisen konnte, ging man dazu über, kleinere Fleischstücke aufzuspießen und über dem offenen Feuer zu rösten. In den meisten Ländern geriet diese Mode mit der Zeit weitgehend in Vergessenheit. Im südlichen Russland hielt sie sich über die Jahrhunderte. Mit den deutschen Schaschlik-Spießchen hat das russische Schaschlik wenig gemein: Es ist pures Fleischvergnügen, mindestens 40 Zentimeter lang und nur mit saftigem Fleisch bestückt. Gegessen wird das Fleisch direkt vom Spieß – ohne Saucen. Das Geheimnis des russischen Schaschliks ist die Marinade, über deren richtige Rezeptur schon mal ein Familienstreit ausbrechen kann. Nicht fehlen dürfen auf jeden Fall Zwiebeln und eine säurehaltige Flüssigkeit, sei es Essig, Wein oder Tomatensaft. 1959 wurde auf dem Münchner Oktoberfest der erste Schaschlik angeboten. 11000 der neuartigen Fleischspießchen wurden damals verspeist.
Ein Rezept für Schaschlik und Blitz-Schaschlik finden Sie hier.